Oberhausen, den 11. 6. 2006
Das Heilige und das Natürliche sind Einunddasselbe.
Bewusstsein in seiner Natürlichkeit lebt jedes gesunde Kleinkind in einer gesunden Umwelt. Ist es hungrig, dann isst es, ist es durstig, dann trinkt es, fühlt es Lust, dann streichelt es sich, trifft es Freunde, dann spielt es, ist es müde, dann schläft es, ist es allein, dann träumt es.
Schmerz, Krankheiten oder Probleme kennt es nicht.
Es ist neugierig. Es stellt Fragen. Es will wissen, warum diese Dinge so und andere Dinge anders sind. Es forscht. Es erfindet. Es baut. Es lernt. Es singt. Es malt. Es sammelt. Es tanzt. Es lacht. Es ist glücklich. Es ist ein Genie. Es erschafft die Welt, in der es lebt. Es ist Gott auf Erden. Es ist Göttin auf Erden. Es kennt keine Grenzen. Es hat weder Anfang noch Ende. Es ist die Welt, in der es lebt.
Dann kommt die Sozialisation.
Danach ist es erwachsen. Aus Unschuld wurde Schuld. Aus Natürlichkeit wurde Angepasstheit. Aus Genie wurde Beruf.
Wie kommt das?
Sozialisation ist ein Vorgang, der einpasst - der etwas Natürliches in etwas Gemachtes einpasst. Dabei geht alle Natürlichkeit verloren. Die Lebendigkeit ebenso. Das Endresultat ist der Tod. Der Weg dorthin ist ein langes Sterben flankiert von Schmerzen, Krankheiten und Problemen. Das muss sein, damit es wieder Kind werden kann.
Natürliches und sozialisiertes Bewusstsein unterscheiden sich wie folgt: Während ersteres ganz ist, ist letzteres gespalten. Gespalten heisst nicht etwa getrennt. Es gibt eine Verbindung zwischen den Teilen, welche der Garant der Ganzheit ist.
Der eine Teil ist das Ego, der andere das Unterbewusstsein. Es beinhaltet alles das, was das Ego verdrängt. Zwischen dem Ego und dem Unterbewusstsein besteht eine mathematische Korrelation.
Ein Beispiel: Ist das Ego männlich, muss das Unterbewusstsein weiblich sein. Ein weiteres Beispiel: Sieht das Ego Gewalt, muss das Unterbewusstsein Angst haben. Ein drittes Beispiel: Stirbt das Ego, erwacht das Unterbewusstsein zu neuem Leben.
Verdrängungen sind gestaute Lebensenergie, die nicht müde wird, Wege zu suchen, sich auszudrücken. Dies kann auf vielfältige Art geschehen. Krankheit ist eine Form, Gewalt eine andere, Projektion eine dritte, bei welcher sich der verdrängte Inhalt wie eine Überblendung zwischen das Auge des Betrachtenden und das Wahrgenommene einpasst. Dieser Vorgang führt dazu, den verdrängten Inhalt im Wahrnehmungsbereich überproportional zu vergrössern.
Projektion als Funktion der Verdrängung beinhaltet eine weitere Spaltung. Der Betrachter und das Wahrgenommene dürfen nicht als zusammengehörig erlebt werden. Der Grund ist darin zu sehen, dass Projektion immer auch mit Feindseligkeit oder Gewalt verknüpft ist. Somit ist Projektion als die Wurzel allen Übels zu betrachten.
Die Psychologie hat für das Unterbewusste das bezeichnende Bild des Schattens gefunden. Der Schatten ist keine blosse Phantasmagorie, sondern eine eigenständige neurologische Persönlichkeitsstruktur. Für das Ego gilt das gleiche. Das Gehirn bietet angesichts der heutigen Auslastung dafür Raum genug.
Ego und Schatten sind also Geschwister. Der Schatten kennt sein Geschwister recht gut – besser als es sich selbst kennt. Das Ego weiss in der Regel nicht einmal, dass es ein Geschwister hat. Hier ist der Unterschied zwischen den beiden zu finden – der Schatten ist intelligenter. Ein weiterer Unterschied ist darin zu sehen, dass der Schatten ein unbedingter Liebhaber der Wahrheit ist, während das Ego in der Regel davon lebt, dass es sich ununterbrochen etwas vormacht, also lügt. Der Schatten lügt nie. In dem Augenblick, in dem das Ego aufhört zu lügen, ist der Schatten verschwunden. Das Ego ebenso. In diesem unbeschreiblich extatischen Moment wird ein neues Kind geboren.